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Haltung und Mediation |
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Haltung und Mediation: Die Haltung in der Mediation
These: Wir können alles tun (wenn wir’s können), was nützlich ist. Ob wir es dann Mediation, Therapie, Beratung, Coaching oder sonst wie nennen, hängt von der Haltung ab,
1) Haltung und Außenkriterien
Während wir das, was wir als unser Gelerntes tun, mit bestimmte Techniken, d.h. als Interventionen mit bestimmtem theoretischen Hintergrund beschreiben können, glauben wir, dass wir über die Haltung nichts Entsprechendes aussagen können. Viele meinen daher, Haltung sei etwas Unscharfes, Ungenaues, im Grunde völlig Beliebiges.
Unsere methodischen Interventionen können wir aus etwas anderem ableiten, nämlich dem theoretischen Hintergrund. Bezüglich der Haltung können wir das nicht. Und wenn wir’s dennoch versuchen, gerade dann wird der Begriff der Haltung offensichtlich unscharf und beliebig. Denn jeder erklärt das, was er darunter versteht, anders. Das heißt aber nicht, dass man über die Haltung nichts Genaues sagen kann. Man kann die Haltung nur nicht aus einem anderen Prinzip ableiten. Haltung ist nicht die Konsequenz aus etwas anderem, sondern ist etwas Ursprüngliches. Haltung ist ein „Obersatz“. Das macht es für uns schwer, damit umzugehen, d.h. in unserer gewohnten logisch-kausalen Denkweise damit umzugehen. Also behandeln wir den Begriff der Haltung entweder mit den ungeeigneten Denkweisen, - oder wir behandeln ihn gar nicht. Für einen Zentralbegriff, an dem sich die Mediation von anderem scheidet, ist das jedoch ungenügend.
Haltung in der Mediation meint die persönliche Haltung des/der Mediators/In. Haltung ist nicht etwas, das von außen verordnet und von außen gemessen wird. Haltung ist nicht Moral. Sie wird durch nichts anderes gestützt und untermauert als durch meine Person. Ich verwende meine persönliche Haltung in der Weise, um andere Dinge damit zu beleuchten, die auf sie zurückführbar sind. D.h. ich tue aufgrund meiner Haltung Dinge, die meine Haltung transparent machen. Ich wähle meine Haltung vollkommen frei, nehme sie als Anstoß und gebe dafür keine Erklärung, auch keine Rechtfertigung außerhalb davon. Ich arbeite allein mit den Reaktionen, die sie auslöst.
2) Die Haltung des Mediators
a) Natürlich ist die Haltung des Mediators eine andere als die Haltung eines Beraters, Therapeuten usw. Wenn jemand sagt, er/sie ist Mediator/Mediatorin, dann sagt er etwas über sein Weltverständnis in diesem speziellen Kontext aus. Mediator sein heißt Vermittler sein zwischen verschiedenen Welten, bzw. verschiedenen Weltsichten, die ihrerseits wieder eine gemeinsame Welt, die Welt der Beziehungen bilden. Als Ver-mittler sind wir Teil des Beziehungsmusters. Bateson spricht von „the pattern which connects”, „dem Muster, das verbindet“. In der Rolle des Mediators nehmen wir einen Platz in diesem Verbindungsmuster ein. Die Haltung des Mediators könnte man also als das Bewusstsein davon bezeichnen, diesen Ort zu haben, wo wir miteinander verbunden sind. Die Aktivität, die aus dieser Haltung kommt, läge sodann in der Suche, wie wir und die Dinge miteinander verbunden sind. Sieht man Konflikte als „Fehlverbindungen“ an, dann wäre die weitere Aktivität aus dieser Haltung, diese Fehlverbindungen als lösbar aufzudecken und andere Verbindungen zu ermöglichen. Die Haltung des Mediators zeigt sich nicht in seinem Expertentum, sondern darin, dass er an diesem Ort klar präsent ist, wo die Dinge „demokratisch“ miteinander verbunden sind.
b) Haltung in der Mediation und Verantwortung liegen dicht beieinander. Da Selbstverantwortung ein Grundprinzip der Mediation ist, muss ich es auch in meiner eigenen Haltung verkörpern. Ich verkörpere es, indem ich für mein Handeln niemand anderen und nichts anderes verantwortlich mache als mich selbst. So wie ich Verantwortung für mich selber annehme und ausdrücke, so stoße ich das Thema Verantwortung in der Mediation auch für die anderen an. Ich sage nicht: „Ihr müsst es genauso tun wie ich“, sondern ich gebe ein Beispiel dafür, wie ich es verstehe, und bin frei für die Reaktionen, die es hervorruft. Ich bin keiner, der es besser weiß als die anderen, ich bin keiner, der einem anderen sagt, was und wie ich etwas weiß, sondern ich drücke es nur in meiner Haltung und ihrem Wechselspiel mit der Haltung der anderen aus.
c) Hieraus folgt auch die Neutralität: Nicht, weil ich mich aus den Dingen heraushalte, bin ich neutral, sondern weil ich mich mit meiner ganzen Person einbringe und in einem Zustand der Wachheit sowie einem Gefühl der Verbundenheit befinde. Denn jedem anderen gestehe ich das Gleiche zu, und jeder andere sieht und beschreibt diese Verbindung notwendigerweise aus seiner Sicht anders. Die Haltung der Neutralität ist also Bestandteil der Haltung, oder: Neutralität ist nichts, das man isoliert definieren könnte, sondern bloß ein Ausfluss der Haltung.
3) Haltung und Ethik
Haltung ist Ethik und bleibt immer implizit: Ich unterwerfe mich keiner Doktrin von außen. Ethik kann man in diesem Sinne nicht aussprechen als einen Imperativ, der über einem steht und dessen Diener man ist. Ethik ist der Impuls, der in jedem Moment entsteht und den ich in einer reflektierten Weise daran messe, was ich mir wünsche. In jeder meiner Handlungen erfinde ich eine neue Haltungsstellung, eine neue Stellung, aus der heraus ich mich dann entschließen kann, was der nächste Schritt sein kann. Haltung ist keine Position des Ich-Soll, sondern des Ich-Bin. Haltung und Ethik sind eine Moment-zu-Moment-Erfahrung. Sie lassen sich nicht festschreiben, sie sind keine objektivierbaren Prinzipien, sondern sie können nur in einem bewussten Lebenszusammenhang entstehen. Schlussfolgerung:
Die Philosophie der Mediation müsste auf diesen kleinen Momenten der Erfahrung aufbauen. In den kleinen Schritten dieser ständig neu entstehenden Erfahrung liegt die Wahrheit der Mediation. Nicht in ihrer sozialen Nützlichkeit, nicht ihrem Konfliktlösungspotenzial, nicht in ihrem Hoffnungsversprechen auf „eine bessere Zukunft“. Mediation ist etwas, das in ganz kleinen Einheiten allein in der Gegenwart passiert. Wenn das gelingt, ist die Welt in Ordnung, muss nichts weiter geschehen, das sie noch „besser“ macht. Man könnte in diesem Sinne sagen: Mediation hat keine Absicht. Alles, was an größerer Bedeutung darüber gebreitet wird, ist nicht Mediation, sondern Dogma, Ideologie, Politik — und Besitzstandsdenken. Wenn wir Mediation fördern wollen, lehren wollen, müssen wir den kleinen Momenten, in denen Mediation passiert, unsere ganze Aufmerksamkeit widmen. Hier beginnt die Haltung, hier beginnt die Mediation.
P.S. Die hier ausgedrückten Gedanken sind Früchte aus der Beschäftigung mit dem Biologen Humberto Maturana, der Systemtheorie und dem sog. Konstruktivismus um Watzlawick und Heinz v. Foerster, sowie buddhistischen Beschreibungen von Bewusstsein und Wahrnehmung. Aus „Der Baum der Erkenntnis“ von Maturana/Varela stammt der nachfolgende Satz, nach dem man Kooperation und Konfliktlösung leicht als sich selbst organisierendes Prinzip begreifen könnte:
„Wenn wir wissen, dass unsere Welt notwendigerweise eine Welt ist, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, dann können wir im Falle eines Konflikts mit einem anderen menschlichen Wesen, mit dem wir weiterhin koexistieren wollen, nicht auf dem beharren, was für uns gewiss ist (auf einer absoluten Wahrheit), weil das die andere Person negieren würde...“
Auch das nur eine Haltung, die Wunder wirken könnte... |
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